Selbstverständnis der Kirchen

Selbstverständnis der Kirchen
Noch in meiner Jugend (also in den Fünfzigern) wurde von den Erwachsenen mit größter Selbstverständlichkeit auch in allen Bereichen der Öffentlichkeit geraucht. In Gaststätten, Bahnhöfen, Flugzeugen und Behörden herrschte überall der blaue Dunst. im Freibad habe ich auf eine nicht gelöschte „Kippe“ getreten und von meinem Vater (einem Nichtraucher) ein „besser aufpassen“ geerntet. Damals gehörte das Rauchen in Gesellschaft dazu, weil der größte Teil der Erwachsenen Raucher war und die Nichtraucher still gelitten haben.
Mehrere große Aufklärungskampagnen bewirkten schließlich ein allmähliches Umdenken und Aufwachen. Den Menschen wurde bewusst, dass das Recht auf Rauchen kein Grundrecht und kein Gewohnheitsrecht ist, das auch gegen die Interessen der Nichtraucher durchgesetzt werden kann. Und deshalb schlug das Pendel bald um: Wer heute irgendwo rauchen will muss sich erst erkundigen, ob das erlaubt ist und ob nicht irgendjemand davon belästigt wird. Als ehemaliger passionierter Pfeifenraucher war ich voll in diesen Konflikt involviert, bis ich aus Einsicht in die Interessen der Nichtraucher mein geliebtes Hobby aufgab.
Neulich, als mich abends um 22 Uhr nach einem Kirchenkonzert die Glocken meiner benachbarten Kirche aus dem Schlaf rissen fiel mir dieser Vergleich ein. Die Kirchenangehörigen leben und denken noch mit dem Selbstverständnis des vorigen Jahrhunderts (oder Jahrtausends), in einer von der Kirche regierten Welt. Ein Recht, das ihnen früher einmal zugestanden wurde, als noch 90 % der Bevölkerung einer der beiden Kirchen angehörten, wird heute bis an den Rand der Widersinnigkeit verteidigt, obwohl die „Christen“ zu einer Minderheit wurden. Nach eigener Zählung wird in meinem ganzen Wohngebiet, das von den Kirchenglocken belästigt wird, nur ca. 1 Promille der Bevölkerung tatsächlich zum Gottesdienst animiert.
Aber das ist ja nur (je nach Schlafbedürfnis) ein ganz kleiner Teil des Ärgernisses.
Im Landesdurchschnitt lassen sich lt. Steuerkarte nur noch knapp mehr als die Hälfte der Einwohner einer der beiden dominierenden Kirchen zurechnen (Von dem tatsächlichen Glauben ganz zu schweigen). Die Gruppe der nicht religiös gebundenen Menschen in unserem Lande ist deutlich größer, trotzdem werden wir täglich in allen Medien mit religiösen Inhalten überschwemmt, die auch noch von den Medienanstalten, also von unseren Gebühren finanziert werden. (Ein einfacher Gottesdienst belastet den Sender mit ca. 100 000 €!). Aber es kommt noch ärger: Auch die Spitzenfunktionäre der Kirchen werden vom Staat wie hohe Beamte bezahlt. (Genaue und umfassende Zahlen findet man bei C. Frerk, Violettbuch Kirchenfinanzen)
Die Beerdigung des letzten Papstes und die Wahl und Einführung des neuen wurden im Fernsehen jeweils in drei Stunden bundesweit live übertragen. (Kosten: über eine Millionen €). Auch in den regionalen Tageszeitungen sind die Kirchen dauerpräsent und überrepräsentiert. Ob ein Bus der Verkehrsbetriebe gesegnet wird (!!), ein Kirchenchor einen neuen Leiter bekommt oder in der Gemeinde XY vier Kinder konfirmiert werden, steht ausführlich in der Zeitung (mit Foto). Die Atheisten müssen (?) das alles ertragen, so wie früher die Nichtraucher die Raucher. Das ist für mich, als würde mir von einem Raucher der Qualm direkt ins Gesicht geblasen werden.
Wie lange lassen wir uns das noch gefallen?
Bernd Kockrick

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